Wenn die jecke Party auf der Intensivstation endet

23. Juli 2011 No Comments by Christian

Von Christian Herse

Karneval. Das heißt für viele Spaß haben, ausgelassen feiern gehen und für wenige Tage alle Sorgen vergessen. Doch für viele bedeutet die jecke Zeit Stress pur, höchste Wachsamkeit und die eigenen Ekelgrenzen zu überwinden. Abseits der Bässe in den Partyzelten waren auch in diesem Jahr wieder hunderte Helfer von Polizei, Hilfsorganisationen sowie Jugend- und Ordnungsamt im Einsatz, um dann einzuschreiten, wenn aus fröhlichem Feiern bitterer Ernst wird.

[DRK-Einsatzleiter Thomas Berger im Gespräch mit Polizeihauptkommissar Carsten Röser]

Bereits um zehn Uhr beginnt das Deutsche Rote Kreuz in Wipperfürth an Weiberfastnacht den Behandlungspunkt etwas abseits des Marktplatzes aufzubauen. Über den Tag verteilt werden wieder hunderte zumeist junge Partygänger im Zentrum des närrischen Treibens im Oberbergischen zu Beginn des Straßenkarnevals erwartet. „Was auf uns zukommt, können wir noch nicht sagen. Sicherlich gibt es Erfahrungswerte aus den letzten Jahren, aber eigentlich ist es unberechenbar“, schaut DRK-Einsatzleiter Thomas Berger in Richtung Himmel. „Die Sonne könnte so manchen zusätzlich anlocken.“

Doch auch darauf ist man vorbereitet. Aufgrund der Wetterprognose hatte man kurzfristig noch einen zusätzlichen Rettungswagen geordert. Mindestens 14 Helfer vom Sanitätshelfer bis zum Rettungsassistenten aus Wipperfürth, Radevormwald, Halver und Herscheid stehen mit drei RTWs bis zwei Uhr nachts durchgehend parat, um im Ernstfall zügig einzugreifen. Insgesamt werden es über den Tag verteilt 30 Helfer ehrenamtlich im Einsatz sein. Ebenfalls gut gerüstet ist die Polizei, die mit 15 Kräften, unter anderem mit Unterstützung der Bereitschaftspolizei, auf dem Marktplatz patrouilliert. „Wir hoffen auf einen ruhigen Abend, sind aber auf alle Eventualitäten vorbereitet”, kündigt Polizeihauptkommissar Carsten Röser an.

 

[28 DRK-Helfer sind mit insgesamt drei Rettungswagen über 16 Stunden im Einsatz.]

Bereits um elf Uhr hämmert die Musik im Zentrum und obwohl alle Schulen noch Unterricht haben, strömen immer mehr Jugendliche nach Wipperfürth. Diese kommen, wie die Jahre zuvor auch, aus der gesamten Region von Lindlar über Marienheide, Meinerzhagen, Halver, Radevormwald bis Kürten und Hückeswagen. In Dreierteams begibt man sich auf Streife, um Ausschau nach den ersten potentiellen Patienten zu halten. „Bis 17 Uhr war die Lage erfreulich ruhig“, resümiert Berger abends. „Nur ein paar Schnittverletzungen aufgrund von Glasscherben zumeist im Beinbereich sowie ein paar Alkoholverlierer.“

 

[Im Treppenhaus behandeln die Sanitäter eine benommene Frau.]

Doch diese Lage ändert sich ab 19 Uhr schlagartig. Binnen weniger Minuten sind alle RTWs unterwegs und auch der Funk vom zweiten Einsatzleiter Christian Schulz rauscht auf. „Eine Hilo bei der Bahnstraße.“ Hilo ist die Kurzform von „Hilfloser Person“ und bedeutet gerade an Karnevalstagen nichts anderes als: die nächste Alkoholleiche. Mit Blaulicht und Martinshorn geht es durch die Innenstadt, doch kurz vor Eintreffen klingelt das Handy. Fehlalarm – und das wird nicht der letzte an diesem Abend sein. Häufig erleben die Betrunken eine Schnellgenesung, wenn sie die roten Jacken der Helfer erblicken und treten die Flucht an. Andere, die sich nicht helfen lassen wollen, werden wenig später dafür völlig besinnungslos zumeist in Hauseingängen oder hinter dem Gebüsch gefunden.

Für Sanitätshelfer Klaus Wasserfuhr bedeutet das besondere Aufmerksamkeit: „Du musst in den unmöglichsten Winkeln nachschauen, da die meisten sich abseits des Trubels einen Platz zum Ausruhen suchen.“ Auch wenn Karneval für ihn und seine Kollegen vor allem Stress bedeutet, genießt er es. „Weiberfastnacht ist nur einmal im Jahr und es wird nie langweilig. Zudem sind die meisten ja freundlich und froh, wenn man ihnen hilft.“ Wie schnell dieser Fall eintritt, wird nur wenig später klar.

 

Um 21 Uhr spricht eine junge Frau das Team um Wasserfuhr an und berichtet, dass ihre Freundin kaum ansprechbar im Flur eines Mehrfamilienhauses in der Hochstraße liegen würde. Zwar sei deren Vater informiert, aber man würde sie nicht die Treppe hinunter bekommen. Völlig weggetreten finden die Sanitäter die 18-jährige Jasmin im zweiten Stock. Bewusstseins-, Atmungs- und Pulskontrolle, das Schema ist bereits Routine. Vor allem Wodka in rauen Mengen soll sie getrunken haben, berichten ihre Freundinnen. Wasserfuhr entscheidet, dass nicht der Vater sie fahren wird, sondern der Rettungswagen – nachdem sie nur noch auf Schmerzreiz reagiert. Gemeinsam tragen die Helfer die Frau das enge Treppenhaus runter, ehe sie unten auf die Trage gelegt wird. Binnen weniger Minuten war ein ganzes Team inklusive RTW vor Ort, um den Kollegen zu helfen. Nach kurzer Erstbehandlung geht es direkt ins Krankenhaus.

 

[Nur mit vereinten Kräften gelingt es der Polizei, den Randalierer festzunehmen. Dieser wehrt sich dabei bis zum bitteren Ende.]

Für eine Pause bleibt jedoch keine Zeit. Nur hundert Meter weiter kommt es zu einer Schlägerei in einer Kneipe. Im Laufschritt geht es zurück, wo die Lage jedoch unübersichtlich erscheint. Nur unter Polizeischutz können sie in der aufgeheizten Stimmung arbeiten. Und dennoch gelingt es ihnen nur mit vereinten Kräften, einen verletzten, aber zugleich äußerst aggressiven Mann zu behandeln. Was passiert, wenn man den Kampf verliert, bekam auch ein 19-jähriger Wipperfürther zu spüren. Der junge Mann kam zwischenzeitlich stark im Gesicht blutend zu den Sanitätern am Marktplatz, die ihn rasch in die Klinik brachten. Dort trübte er immer mehr ein, sodass er zunächst intubiert, also die Atemwege gesichert, und anschließend mit multiplen Frakturen im Gesicht in die Uniklinik Köln verlegt werden musste.

Bei einer Patrouille durch die Bahnstraße bedarf es keiner Worte, was Ralf Noß vom Jugendamt auf die Palme bringt: „Alle Einzelhändler unterstützen uns bei dem Versuch, Wipperfürth glasfrei zu halten und nicht bis spät abends Alkohol zu verkaufen.“ Ein Supermarkt hält jedoch nichts davon und verkauft auch an Weiberfastnacht noch Hochprozentiges in rauen Mengen. „Da steht eben doch das Geschäft im Vordergrund“, schüttelt Noß den Kopf. Wie ein Kriegsschauplatz sieht die Straße entsprechend aus. Hunderte Glasflaschen liegen zerdeppert auf dem Boden, die Schranke eines nahen Parkplatzes ist abgeknickt. Solange sich jedoch kein Volltrunkener im Supermarkt daneben benimmt, greift der dortige private Sicherheitsdienst nicht ein.

 

[Fast schon kriegsähnliche Zustände in der Bahnstraße. Hier gilt das Glasverbot nicht mehr.]

Auch wenn das Glasverbot seine Wirkung zeigt, sind die Straßen übersät mit Glassplittern und kleinen Schnapsflaschen. Und auch der Alkoholkonsum scheint nicht durch die Regelungen reduziert werden können. Denn um 23 Uhr überschlagen sich die Ereignisse erneut. Ein Unbekannter hatte im gut besuchten Festzelt einen Feuerlöscher entleert. Während der Veranstalter den Raum evakuiert, kämpft sich ein Sanitätstrupp durch die aufgebrachte Menschenmenge. Von einem Brand ist die Rede oder auch Reizgas – Gerüchte machen die Runde. Eine junge Frau liegt auf der Mauer, bekommt keine Luft mehr, da sie das Löschpulver eingeatmet hatte. Sofort erhält sie Sauerstoff und wird per Trage ins Behandlungszelt gebracht. Derweil steigt einigen Partysgästen die schnelle Abkühlung zu Kopf.

Während die Bereitschaftspolizisten eine Auseinandersetzung schlichten wollen, fliegen nur einen Steinwurf entfernt erneut die Fäuste. Deeskalierend, aber bestimmend gehen die Beamten dazwischen. Doch obwohl ein 18-Jähriger zahlenmäßig unterlegen ist, gibt er nicht auf und greift die Polizisten an. Zwei von ihnen werden dabei leicht verletzt, der Betrunkene liegt mit Handschellen auf dem Boden – das Knie eines Beamten im Rücken. Doch auch diese Erfahrung  hält ihn nicht davon ab, während seiner Abführung zum Transporter weiter kräftig Widerstand zu leisten. Er wird die Nacht in der Zelle verbringen – mit über 1,5 Promille im Blut.

 

[Endstation Intensivbett - für mehrere Karnevalsjecke endete der Abend im Krankenhaus.]

Zeitgleich findet ein Sanitätstrupp eine völlig alkoholisierte Frau. Nach kurzer Kontrolle der Vitalfunktionen wird klar, dass Eile geboten ist. In einem Tragetuch wird sie in die Station gebracht und dort intubiert., um sie künstlich beatmen zu können Thomas Berger ruft im Krankenhaus an, damit dort ein Internist auf den Rettungswagen wartet. „Bis der Notarzt hier wäre, sind wir auch schon in der Notaufnahme“. Schnell muss es gehen, damit der Frau geholfen wird. In der Klinik wird sie direkt auf die Intensivstation verlegt.

So schnell die Einsätze kamen, so schnell flacht die Kurve dann jedoch auch wieder ab. Bis zwei Uhr sind die Helfer noch vor Ort. Berger zieht derweil ein Fazit des Abends. „14 Mal mussten wir Patienten ins Krankenhaus fahren, fünfmal davon wegen Alkoholintox.“ Besonders erfreulich: Erstmals mussten keine betrunkenen Kinder unter 16 Jahren behandelt werden. Doch arbeitslos werden die Helfer dennoch auch künftig nicht werden. 48 Mal mussten sie Hilfe leisten, die Polizei 15 Mal eingreifen – allein an Weiberfastnacht. “Damit sind die Zahlen auf Seiten des Rettungsdienstes zwar im Vergleich zu den Vorjahren gesunken, aber dennoch zu hoch”, so das Fazit der Helfer.

Bei einem Punkt sind sich Deutsches Rotes Kreuz und Polizei auf jeden Fall einig: Noch nie war die Stimmung an Karneval so aggressiv, wie in 2011. Und das, obwohl es sich dabei eigentlich um die lustigste Zeit im Jahr handeln sollte.

Siehe auch: Mehrere Verletzte bei Attacke im Festzelt

 

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