„Kommt schnell her, der Aldi ist eingestürzt“

23. Juli 2011 No Comments by Christian

Es war ein ganz normaler September-Tag. Die Semesterferien neigten sich dem Ende und somit war auch meine Zeit in der Redaktion wieder gezählt. Heute stand um 14 Uhr eine Pressekonferenz des Oberbergischen Symphonieorchesters auf dem Programm, was weder besonders spannend noch außergewöhnlich klang. Dass dieser 22. September 2009 mein Leben als Journalist grundsätzlich ändern wird, ahnte ich morgens nichts, als ich um 10 Uhr die Gummersbacher Redaktionsräume betrat.

Es ist 11:55 Uhr, als das Handy meines Chefredakteurs klingelte. Wenige Sekunden später frug er mich, welche Termine ich noch hätte und schickte mich anschließend mit den Worten „Fahr nach Rade, da ist der Aldi eingestürzt. Soll mindestens zwei Tote geben“ nach draußen. Zeitgleich ging die erste Meldung der Feuerwehr bei uns ein, in der lapidar von einer Technischen Hilfeleistung in Dahlerau sprach. Radevormwald, das sind 45 Minuten Fahrzeit von Gummersbach und eigentlich lassen wir uns da nur blicken, „wenn mindestens ein Flugzeug abgestürzt ist“ – um die Worte eines Kollegen zu zitieren.

Während ich in das Redaktionsauto stieg, hörte ich erste Informationen im Funkempfänger, den wir von der Feuerwehr zur Verfügung gestellt bekommen haben. Kein Supermarkt sei eingestürzt, sondern ein Bus verunfallt. Zwei Tote soll es mindestens geben, viele Verletzte. Immer wieder wird der Funkverkehr von neuen Alarmierungen unterbrochen. Ich rufe sofort in der Redaktion an, gib erste Informationen weiter. Nach 20 Minuten Fahrzeit klingelt mein Handy, ob ich denn schon da sei. Ich fahre schnell – aber fliegen kann ich trotzdem noch nicht.

Um 12:40 Uhr erreichte ich die Unfallstelle in Radevormwald. Während der Fahrt spitzte sich die Lage am Funk immer weiter zu. Drei Tote, nach doch vier, ja, es werden noch Kinder vermisst, die möglicherweise im Fluss hinabgetrieben wurden. Mit einem flauen Gefühl im Magen parkte ich den Wagen und ging die letzten Meter zu Fuß. Es herrschte eine Totenstille, nur die Funkgeräte der Feuerwehrleute waren zu hören. Drei Kollegen anderer Medien waren bereits vor Ort, die Polizei hatte den Unglücksort bereits großflächig abgesperrt. Zeitgleich mit mir traf deren Pressesprecher ein. Ein kurzes Nicken zur Begrüßung und der gegenseitige Blick verrieten, dass uns beiden bewusst war, mit welcher ernsten Lage wir klarkommen mussten.

Ich begann meine ersten Bilder zu schießen, was äußerst schwieriger war, lag der Bus doch 20 Meter unter mir halb im Wasser, verdeckt von Bäumen und Büschen. Die Verletzten waren zu diesem Zeitpunkt bereits versorgt, über mir kreiste der dritte Rettungshubschrauber, aber die Wolldecken am Linienbus verrieten, dass definitiv nicht alle dieses Unglück überlebt haben. Fünf Minuten gab man uns, um Fotos zu schießen. Ich zückte mein Handy, machte damit Bilder und sendete diese an die Redaktion. Anschließend drückte ich auf den Auslöser meiner Kamera. Klick, Klick, Klickklick – während ich hier fotografierte, suchte mein Auge nach weiteren möglichen Motiven. Fünf Minuten sind für so eine Situation eine verdammt kurze Zeit und man versucht so viel mitzunehmen, wie möglich. Authentische Bilder, ohne die Leichen zu zeigen, aber dennoch sollte das Unglück bildgewaltig gebannt werden. Ein schwieriger Spagat.

Das Absperrband senkte sich gerade, da eilte ein Fotograf einer großen Boulevardzeitung heran und ignorierte diese. „Behinderung der Pressefreiheit sei das“, rief er den Polizisten zu, die ihn abwimmelten.

Dann begann die Zeit des Wartens. Die Zahl der Fotografen erhöhte sich minütlich. DPA, reuters, AP. Der große Medienzirkus hatte auch meine kleine Welt des Lokaljournalisten erreicht. Die ARD baute ihren Truck auf, zapfte Strom von Anwohnern. N24 ging um 14:30 Uhr das erste Mal live auf Sendungen, RTL und ZDF durften auch nicht fehlen. Auf der Suche nach dem besten Motiv wurden Räuberleitern gebaut, die Absperrungen immer mehr ignoriert und neue Wege gesucht. Angespannt, aber freundlich agierten die Kollegen und auch ich merkte, wenn ich gute Fotos haben will, muss ich etwas dafür tun. Dies war nicht der normale Kellerbrand oder der klassische Verkehrsunfall im Sommer. Nein, das war ein Großereignis und ganz Deutschland schaute zu.

Mein Handy klingelte und ein Redakteur der BILD Köln meldete sich. Ich wäre vor Ort und könnte ihm vielleicht sagen, wie es dort aussieht. Ich hielt mich kurz, da mein Akku bald leer war und meine Redaktion weitere Informationen forderte. Und wieder strapazierte ich mein Multitaskingtalent, schrieb bei den Interviews mit, telefonierte und war gleichzeitig auf der Suche nach guten Motiven. Kurzzeitig fand ich mich einbeinig balancierten auf der Leitplanke wieder, um einen kurzen Blick auf die Bergung der Opfer zu erhaschen. Ich wollte keine Leichen abbilden, aber diese gehörten zu diesem Unglück leider dazu, sodass ich sie nicht ignorieren konnte und durfte.

Um 15:45 Uhr, drei Stunden nach meiner Ankunft, setzte ich mich ins Auto. Ohne zu denken, rollte ich wieder in Richtung Gummersbach. In meinem Kopf begann ich das Gesehene zu verarbeiten und das Nichtgesehene vorzustellen. Fünf Menschen hatten heute ihr Leben gelassen. Auf der Fahrt von zu Hause zum Einkaufen, Schwimmen oder ihren Familien. Doch die großen Medien, die Vollblut-Profis, interessierten sich nicht für die Schicksale, sondern für die Hüllen. Ich wusste zeitweise nicht, welches Ereignis mich mehr erschrecken ließ. Die Geschehnisse vor oder hinter den Absperrungen. Wenn der Medienzirkus weiterzieht, dann bleiben wir Lokaljournalisten zurück. Die Jagd nach der Sensationsnachricht ist anstrengend, kurz und schnelllebig. Auf meinen Terminzettel standen hingegen für den nächsten Tag: 10 Uhr Pressegespräch Ferchau, 15 Uhr Podiumsdiskussion mit Bundestagskandidaten. Zwei Welten, die für einen Augenblick verschmelzten.

„Radevormwald? Da fahren wir doch nur hin, wenn Flugzeuge abstürzen“ – oder wenn eben Busse in Flüsse landen.

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